Hoch und Höher, das war Bolivien….

Bereits vor einigen Monaten hatten wir besprochen, dass uns meine Mutter, Mirkos Tochter und unsere Freundin Christine für 3 Wochen in Ecuador besuchen kommt. Für uns ein wenig schwierig zu planen; wussten wir zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht, wo wir sein werden.

Als wir dann in Cusco waren entschieden wir uns von La Paz aus zurück zu fliegen, anstatt die ganze Strecke mit den Motorrädern zu fahren. Nach kurzer Recherche stellte sich heraus, dass uns diese Variante nur halb so viel kosten würde und mit weitaus weniger Stress verbunden wäre, als die Strecke selbst zu fahren. Die Motorräder konnten wir bei Oscar in La Paz unterstellen. Also wurde ein Flug gebucht und gemeinsam mit Josh machten wir uns auf den Weg nach La Paz, Bolivien.

Der Plan war, dass wir 14 Tage haben um vom Lago Titicaca, Peru nach La Paz und von dort offroad bis zur Roten Lagune über den Salar de Uyuni und wieder zurück zu fahren.

Der weitere Plan war, dass wir dann anschließend nach unserer Zeit in Ecuador von La Paz aus östlich über Santa Cruz Bolivien nach Brasilien verlassen.

Von uns hatte bereits zu diesem Zeitpunkt keiner so richtig Lust in den südamerikanischen Winter nach Chile zu fahren. Also erst Brasilien zu den Projekten der EBM, dann Argentinien und dann Chile.

Ach…wie schön, dass man Pläne machen kann…es kommt dann aber meistens doch anders als man denkt, aber dazu mehr.

Für uns lief der Grenzübergang nach Bolivien kompikationslos. Stempel und fertig. Für Josh als US-Staatsbürger lief es ein wenig anders. 180$ und einige Stunden später konnte auch er Richtung Copacabana, Bolivien weiterreisen. Amerikaner müssen in jedem Land Südamerikas eine Einreisegebühr bezahlen…da haben wir aber Glück, dass wir aus Deutschland kommen.

Copacabana liegt mit 3857m direkt am Ufer des Lago Titicaca. Nach unserer Erfahrung in Puno, Peru sind wir relativ überrascht, wie hübsch die Bolivianer das hier gestaltet haben. Ein paar Hostels, Bars, Restaurants in Ufernähe, aber auch Tretboote, Jetski und solche Sachen.

Als erstes bestellen wir mal ein leckeres Fischgericht. Wir warten ca. 40min. Bis wir unser Getränk bekommen und nochmal 40min bis wir unseren Fisch bekommen, aber das nur am Rande. Wir vertreiben uns unsere Zeit damit, auf den See zu blicken und wechseln uns damit ab, die Hotels nach günstigen Preisen ab zu klappern. Als wir grade mit dem Fisch fertig sind (der übrigens echt schlecht war) hören wir Motorräder und erblicken das Adventuretrio. So klein kann die Welt sein, wenn man als Motorradreisender zur gleichen Zeit südwerts unterwegs ist. Da kann man sich manchmal garnicht aus dem Weg gehen….selbst wenn man wollen würde…was wir ja garnicht wollen.

Also weiter im Text.

Copacabana liegt auf einem kleinen Berg, das heisst alles vom Ufer des Sees aus gesehen, geht bergauf. Jeder Weg ist anstrengend auf diesen Höhen, wir brauchen locker das doppelte an Zeit. Wir versuchen langsam zu gehen, aber richtig helfen tut das auch nicht. Schlaumeier würden ja jetzt sagen Koka-tee. Ja, alles ausprobiert. Wir trinken fast nichts anderes, aber helfen tut es nicht. Oder es hilft, wir merken es nur nicht, und ohne den Tee würde es uns noch schlimmer gehen. Jedesmal auf solchen Höhen wache ich nachts auf weil mein Unterbewusstsein meint, ich würde ersticken. Unangenehmes Gefühl sag ich. Da uns also weiterhin nicht wohl ist, macht es uns auch nicht so viel aus, dass hier alle Restaurants und Bars um 21h schließen. Wir fragen uns zwar ob hier Feiertag oder sowas ist, aber nein, es scheint ganz gewollt zu sein. Es sind zwar einige Touristen hier und wahrscheinlich würden wir grade am Wochenende geschäftstüchtiger denken, aber gut, dann gehen wir halt schlafen. Sind eh müde und kaputt. Eigentlich wollten wir am nächsten Tag schon weiter, aber da wir uns wieder nicht wohl fühlen, das Wetter nett ist, der Ort hier auch entscheiden wir uns noch einen Tag dran zu hängen. Da wir aber nicht nur abhängen wollen, nehmen wir uns vor den „Hausberg“ Copacabanas,den 3966m hohen Cerro Calvario zu erklimmen. Von diesem soll man eine faszinierende Aussicht auf die Stadt und auf den See haben. Der Weg zur Spitze ist wohl unter Pilgern beliebt, da er auf 14 Stationen den Leidensweg Jesu bis zur Kreuzigung zeigt.

Wir gehen langsam…sehr langsam…und machen viele Pausen, aber schließlich sind wir irgendwann oben und geniessen die Aussicht auf den See. Einige Wanderer sind ebenfalls hier oben und sogar zwei, drei Personen verkaufen Getränke (das heißt, sie laufen diesen Weg [für den wir Stunden gebraucht haben] täglich und das auch noch mit Gepäck. Unglaublich. Der Aufstieg ist wirklich mühsam und teilweise eher als klettern zu bezeichnen. Ich hätte stunden hier sitzen können, aber irgendwann machen wir uns dann doch mit zitternden Beinen wieder auf den Weg zurück. Und weil dies als körperliche Anstrengung noch nicht genügend ist, wird noch ne Runde Minigolf gespielt. Minigolf mit Blick auf den See…ist schon nett.

An diesem Abend schließen die Geschäfte zwar auch wieder so früh, bei uns wird es aber ein wenig später, weil wir uns noch mit Leuten bei der Dorf-Jubiläumsfeier am Lagerfeuer verquatschen, so dass wir erst um 22:30h am Hotel erscheinen. Hoteltür zu. Klingeln – fehlanzeige. Niemand öffnet. So stehen wir also bei ca. 5 Grad draußen vor unserem Hotel und kommen nicht rein. Naja, warum auch nicht die Hotels um 21h schließen?- Die Restaurants sind ja auch schließlich geschlossen.

Josh klettert dann irgendwann über die Mauer, findet ein geöffnetes Fenster vom Hotel, bricht ein und öffnet uns die Tür von Innen. Schön, dann müssen wir also doch nicht draußen schlafen. Am nächsten Morgen gibt es bolivianisches Frühstück. Kaffee, Kekse und Rührei….zum satt werden, reichts auf jeden Fall.

Unser Weg führt uns nach LaPaz. Dort erwartet uns Oskar, der mit uns über Facebook in Kontakt getreten ist und bei dem wir unterkommen können. Die Strecke ist schön und wir sind schnell im Umkreis von La Paz…als wir dann ins Valle de la Luna (Mondtal) einfahren, sind wir völlig beeindruckt. Das haben wir nicht erwartet. Das Mondtal besteht aus tausenden Felsen, Felsspalten, Erdhügeln und kraterähnlichen Formationen. Die Türme und Pyramiden sind graubraun bis rötlich und fast ohne Bewuchs. [Quelle:wikipedia] Der Name Mondtal passt hervorragend. Wunderschön. Wir machen Halt bei einer Hähnchenbraterei und genießen dieses köstliche Ding mit Blick auf die Felsformationen. Nachträglich kann ich sagen,war dies die Beste Mahlzeit die wir in Bolivien zu uns genommen haben, aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht.

Wir fahren weiter. Das Navi will uns offroad durchs Mondtal nach Oskar schicken, aber da drehen wir dann doch lieber um und nehmen den Asphalt. Mittlerweile wissen wir „Wege werden niemals besser“ und das Mondtal sieht ziemlich hart aus, um es mit vollbepackten Motorrädern zu erkunden. Also wohl lieber ein andermal. Der Weg zu Oskars Haus ist dann aber ähnlich würd ich sagen. Erst geht es steil, sehr steil eine ehemalige Kopfsteinpflasterstraße hoch (ehemalig, weil heute nur noch ein Teil des Kopfsteinpflasters steht- der Rest ist loses Geröll mit Sand), eine linksabbiegung und dann nochmal steil eine Sandpiste hoch. Ok- heil oben angekommen, aber Oskar ist nicht da. Also den gleichen Weg wieder zurück und Internet suchen. Beim Nachbarn werden wir fündig – Oskar ist in seinem Club (so ne art Tennisclub) im Zentrum und erwartet uns dort volltrunken. Wir bekommen Umarmungen, Küsse, Essen und Trinken und die tausendmalige Beteuerung das dies jetzt unser zu Hause sei, so lange wie wir möchten. Irgendwann versuchen wir ihm zu erklären, dass wir auch gerne unser „zu Hause“ sehen würden, wird es doch so langsam dunkel und keiner von uns möchte den Weg zu seinem Haus im Dunkeln fahren.

Oskar ist ein wundervoller lustiger Typ und wir haben viel Spaß mit ihm gemeinsam. Wir können unsere Matratzen bei ihm in einem Zimmer aufbauen und dort noch ein paar Sachen erledigen bevor wir dann zu unserer Offroadtour zur roten Lagune aufbrechen. Alles, was wir nicht benötigen lassen wir bei ihm, wir kommen schließlich wieder,da wir in ca. 14 Tagen von ihm aus nach Ecuador fliegen.

Noch in El Alto stehen wir dann vor unserer ersten Straßensperre. Die Bergarbeiter demonstrieren zur Zeit und etliche Menschen sitzen auf der Hauptverkehrsstraße und blokieren eine Weiterfahrt. Wir wechseln die Position, ich fahr vor, Visier hoch und lächelnd bitte ich die sitzenden Frauen doch die Steine für uns weg zu räumen. Es klappt und wir können so jede einzelne Sperre durchfahren. Über Oruro, Challapata und Salinas de Garci Mendoza erreichen wir den Salzsee auf Höhe des Vulkanes Tunupa. ¾ dieser Strecke geht ziemlich fix und ist relativ unspektakuläres Fahren durch das Hochland, ¼ dieser Strecke ist anspruchsvoll und landschaftlich sehr beeindruckend. So hab ich mir immer das Altiplano vorgestellt. Die Vegetationsform hier nennt man Puna…am Besten zu beschreiben mit braun, grauer flacher Landschaft in der das Ichugras überall wächst. Ab und zu fahren wir an Bergen und Felsformationen vorbei. Wir haben viel Spaß und geniessen das Fahren sehr. Generell ist fahren auf diesen Höhen das einzige was nicht ganz so anstrengend ist für uns. Die Motorräder merken diese Höhen zwar auch, aber das sollte mich nicht stören, solange ich mich nicht bewegen muss. Mit 10000 Quadratkilometern ist der Salar de Uyuni nicht nur der größte Salzsee der Erde, sondern wohl auch der Bekannteste. Einem Gletscher gleich in strahlendem Weiß liegt die endlos scheinende, brettebene Salzfläche vor uns. Die ersten Meter fühlen sich unwirklich an. Die Gedanken immer dahingehend auf Schnee zu fahren, brauchen wir erst ein paar Minuten bis wir uns an den Untergrund gewöhnt haben.

Der Salzsee liegt auf ca. 3653m und das Klima ist trocken und kalt. So trocken, dass selbst bei Minustemperaturen niergens Raureif zu finden ist und so trocken, dass unsere Lippen aufplatzen und unsere Haut unheimlich trocken wird. Wir wissen dass in den Nächten mit Minustemperaturen zu rechnen ist, aber wir wollen trotzdem auf dem Salar zelten. Wir steuern die Insel inmitten des Salzsees an, sehen wir sie ja schon am Horizont, brauchen wir doch ne gute Stunde bis wir sie erreichen. Klar, spielen wir mit unseren Motorrädern rum..wer lässt als längstes die Augen zu, wer fährt am Schnellsten usw. Es ist ein geniales Erlebnis. Wir sind endlich am Salar de Uyuni. Völlig beeindruckt sind wir von dieser Schönheit….nur blauer Himmel und weißer Untergrund. Wunderschön. In dem See, etwa 80 Kilometer von Uyuni entfernt, liegt die Insel Incahuasi die für ihre vielen meterhohen und teilweise mehr als 1.200 Jahre alten Säulenkakteen bekannt ist. In der Nähe der Insel bauen wir unser Zelt auf; Josh, zuletzt wohnhaft in Alaska kann sich nicht mit dem Gedanken anfreunden auf dem Salar zu zelten, erinnert ihn das Weiß doch zu sehr an Schnee und auf Schnee zeltet man nicht; also baut er sein Zelt auf der Insel auf.

Ich weiss nicht, wer schlauer war, aber definitiv hatten wir die bessere Aussicht.

Um halb sechs ging die Sonne unter und ab genau diesem Zeitpunkt fiel die Temperatur von 8 auf ungefähr 0 grad. Wir kochen uns noch ne leckere Nudelmahlzeit und versuchen uns mit Kokatee warm zu halten, aber je dunkler es wurde, desto kälter. Um 19h geben wir erstmal auf und kriechen ins Zelt. Ich friere unheimlich. Sowas kaltes hab ich noch nicht erlebt. (Am nächsten Tag teilt uns der Rancher mit, dass es -15Grad waren) Kein Wunder, dass ich nur 1 Stunde schlafen konnte…und ich hatte echt alles an,was irgendwie möglich ist…Aber all dies war es wert für die Aussicht die wir hatten. Jeder Blick, egal in welche Richtung, zu welcher Uhrzeit – atemberaubend schön. Wir konnten die Milchstraße von links nach rechts beobachten ohne das irgendein Baum oder ähnliches gestört hat. Sternschnuppen und Stille. Eines der schönsten Erlebnisse überhaupt.

Ich bin sowieso schon wach, öffne die Zelttür als ich meine es wäre Zeit für den Sonnenaufgang. Also wenn der Sonnenuntergang schon grandios war, dann fehlen mir jetzt die Worte um das gesehene zu beschreiben. Es ist zwar noch ein wenig kalt um aus dem Schlafsack zu krabbeln, aber ich kann der Versuchung nicht widerstehen. Ich will die Schönheit des Salars aufsaugen, nichts verpassen, also wird erstmal Tee gekocht. Bevor die ganzen Touristen kommen, wird schnell noch Pipi auf der Insel gemacht und dann lassen sich auch schon Josh und Mirko blicken und wir beginnen damit unsere Zeit zu vertrödeln indem wir die obligatorischen Salarfotos machen. Gegen 10h ist es sogar richtig warm und wir können unsere dicken Sachen gegen etwas weniger tauschen.

So schön es aber auch ist, wir können auf keinen Fall noch eine Nacht bei diesen Temperaturen verbringen und machen uns auf Richtung Uyuni. Der Weg dorthin wird dann schon ein wenig langweilig. Alles halt weiß und gleich 😉 Am Salzhotel wird Stop gemacht und auch wenn wir keine deutsche Fahne erblicken – wir wissen, dass wir hier waren!

Es ist nicht mehr weit bis Uyuni und ich bin froh darüber. Hat mich die Nacht doch ganz schön geschafft. Ich überlege mir grad, ob ich wirklich Lust auf diese Offroadtour hab…die Höhe macht mir unheimlich zu schaffen….dazu die Kälte ist für mich eine wirkliche Qual. Ich hänge grade meinen Gedanken so nach, da merk ich einen heftigen Ruck – erneut das Fahrwerk. Weiterfahrt gestoppt. Es sind nur noch 15km über Wellblechsandpiste nach Uyuni, da müssen wir das Motorrad irgendwie hinbekommen. Mit ca. 15kmh fährt Mirko mein Motorrad nach Uyuni, Josh und ich fahren vor und suchen schonmal eine Unterkunft in Uyuni. Uyuni, inmitten einer faszinierenden und urtümlichen Gegend mit Vulkanen, heissen Quellen, Flamingos und Salzseen, wirkt wie eine von Touristen überlaufene Stadt. Es ist also kein Problem eine Unterkunft hier zu finden; die ganzen Touristen brauchen ja auch eine Unterkunft und so finden wir schlußendlich auch eine, die bezahlbar ist und in der wir auch die Motorräder sicher unterstellen können. Wir hatten uns zwar auf eine warme Dusche gefreut und sind ziemlich enttäuscht, dass diese Elektrodusche hier nicht richtig warm wird, und auch der Umstand dass es in den Zimmern aufgrund fehlender Heizung und fehlendem Sonnenlicht deutlich kälter als draußen mit Sonnenschein ist, akzeptieren wir und finden uns damit ab,dass es mit Aufwärmen erstmal nichts wird. Wir sind nur ein paar Tage hier…die Menschen die hier leben, leben damit dass die nächtlichen Temperaturen in der Regel bei 10 grad minus liegen und haben trotzdem keine Heizung. Wir wollen uns also nicht beschweren.

Abends wird Krisenbesprechung gemacht. Klar ist, dass ich mit meinem Motorrad nicht zur Roten Lagune kommen werde. Unklar ist, wie wir mein Motorrad zurück nach La Paz bekommen. Keiner von uns hat lust mit 30kmh zurück zu fahren. Wir versuchen ein Busunternehmen oder überhaupt eine Fahrgelegenheit zu finden, aber da lässt sich nichts bezahlbares machen, also beschließen wir bis zur Roten Lagune geht es gemeinsam auf einem Motorrad, meines wird in Uyuni (bei der besten Pizzaria überhaupt) untergestellt und wenn wir wiederkommen gucken wir weiter.

Im vergangenen Jahrhundert war Uyuni ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt. Die Bahn transportierte Mengen von Salz, Kupfer und Gold aus dem vom Bergbau geprägten Andenstaat in die Nachbarländer. Heute sind allerdings die meisten Minen geschlossen und die meisten Bahnlinien gekappt. Doch was ist mit all den Dampflokomotiven und Wagen jener goldenen Eisenbahnzeit passiert? Die rostbraunen kolossalen Zeitzeugen liegen heute drei Kilometer ausserhalb von Uyuni auf dem «cementerio de los trenes» – dem vielleicht grössten Eisenbahnfriedhof der Welt. Die meisten der verrosteten Maschinen sind über 100 Jahre alt und zum Verrotten verurteilt. Schon der Weg dorthin gleicht einem Friedhof…überall liegen abgeschnittene Hörner von Rindern rum. Hätten wir das ausgesuchte Stück nicht auf dem Rückweg vergessen mit zu nehmen, würde jetzt eines an unserem Motorrad hängen.

Am nächsten Tag starten wir bei 3 Grad Tagestemperatur unsere Tour zur Roten Lagune. Mit genügend Wasser im Gepäck machen wir uns an den Abschnitt, von dem alle sagen „der schwierigste der ganzen Reise“ „Offroad pur“ „Hart für Körper und Maschine“.

Nach den ersten 80km auf Wellblechpiste hält Josh an. Sein hinteres Radlager hat den Geist aufgegeben. Die Jungs machen sich an die Arbeit, Reifen ab und versuchen das Lager raus zu bekommen. Aber nichts bewegt sich. Nach 1,5 Stunden macht Mirko sich auf den Weg zurück nach Uyuni zum Mechaniker, der wird mehr Glück haben; Josh und ich warten. Wir legen uns flach auf die Erde…da wo der Wind uns nicht erreicht und machen ein Nickerchen. Nach weiteren 1,5 Stunden ist Mirko wieder zurück und es kann weitergehen. Aufgrund der ungeplanten Verspätung nehmen wir dann aber lieber schon in San Cristobal eine Unterkunft. Soviel Möglichkeiten gibt’s hier nicht, und wer weiss, was auf den nächsten Kilometern noch so kommt.

Wir starten früh am nächsten Tag…unser Ziel ist nicht weit, aber der Weg dorthin wird es in sich haben. Über größtenteils Wellblech mit Sand fahren wir durch diese unwirkliche Gegend des Altiplanos. Mein ganzer Respekt und Stolz gilt an diesem Tag Mirko. Es ist unglaublich was er mit mir hinten drauf leistet. Die Strecke hat es wirklich in sich. Wir machen immer mal wieder ein Päuschen um Alpacas oder Vicunas zu fotografieren oder um einfach die stille zu geniessen. Die einzigen Menschen die wir treffen, sind die Touristen in ihrem 4×4, die mit einer Tourgesellschaft wohl auch zur roten Lagune wollen und mit einem Heidentempo an uns vorbeisausen. Sand und Staub schlucken wir heute zur Genüge. Heute ist alles dabei was sich das Offroadherz wünschen könnte. Wir sind schon ziemlich kaputt (ich auch, obwohl ich hinten sitze…es ist ganz schön anstrengend nicht die Kontrolle über das eigene Motorrad zu haben) als wir das kleine Dorf Villa Mar passieren, aber es sind nur noch 50km bis zur Laguna Colorada und die wollen wir auch noch schaffen. Wir fahren irgendwann um eine Kurve…befinden uns schon über 4000m, der Wind peitscht, und vor uns liegt eingerahmt von kleinen Eisschollen eine kleine Fütze. Sie ist dann doch tiefer und rutschiger als gedacht und wir liegen das erste Mal. Ok, nicht so schlimm…schlimm ist nur, dass ich den Berg hochlaufen muss, weil die folgende Passage mit 2 Leuten auf dem Motorrad schlecht zu machen ist. Loses Geröll und Spurrillen so breit und tief wie ein Eimer, dazu der Wind…Ich laufe lieber. Völlig außer Puste komm ich oben an und steige für weitere 5 Meter wieder auf das Motorrad, dann liegen wir wieder. Diese Strecke ist nicht zu machen 2up, also entscheiden wir uns zähneknirschend nach Villa Mar zurück zu kehren. Abenteuer schön und gut, aber auf dieser Höhe und mit dem Wissen, dass jetzt der schwierigste Part der strecke kommen soll ist es einfach die bessere Entscheidung. Ich bin definitiv nicht bereit die nächsten Kilometer zu laufen, also geht es zurück.

Wir finden glücklicherweise ein Hostel. In Villa Mar sind die Hostels nicht beschriftet, wenn man Glück hat und jemanden auf der Straße antrifft, fragt man sich einfach durch und stellt fest, dass jedes fünfte Haus auch ein Hostel ist. Sogar mit Verpflegung, da es hier keine Restaurants oder so gibt. Ich bleib den nächsten Tag im Hostel und Josh und Mirko machen sich auf zur Lagune Colorada. Ich geniesse es mich nicht bewegen zu müssen und lese im Schlafsack eingemummelt ein Buch. Jede Bewegung außerhalb des Schlafsackes ist sowieso zu kalt und zu anstrengend und sowieso ist alles blöd.

Anders als erwartet höre ich bereits gegen nachmittag schon wieder Motorengeräusche vorm Haus. Geplant war, dass sie morgen zurückkommen. Was ist passiert? Auf dem Weg zur Lagune sind bei beiden Motorrädern die Gabelsimmeringe kaputt gegangen. Die Lagune Colorada mit all ihren Flamingos und den von den Algen rot getränktem Wasser haben sie noch erreichen können, aber leider den Arbol de Piedra (Steinbaum) nicht mehr. Enttäuscht stehen sie vorm Hostel…ist doch die geplante Offroadtour durch Bolivien mal ganz anders verlaufen als geplant.

Aber gut, so ist das hier wohl…you never know.

Zurück in Uyuni kümmern wir uns um notdürftige Reperaturen und auch ein kleines Federbein für mein Motorrad bekommen wir günstig, so dass ich zwar immernoch vorsichtig, aber nicht im Schneckentempo nach La Paz zurückfahren kann.

Über Potosi führt uns unser Weg zurück nach La Paz. Der Weg von Uyuni über Potosi nach LaPaz ist wunderschön. So ganz anders als das was wir bisher auf dem Altiplano gesehen haben, fahren wir auf einmal an Bergketten vorbei. Wir fühlen uns fast wie in Arizona oder Utah.

Potosí liegt zwischen 3.976 m und 4.070 m Seehöhe in einer kargen, steppenhaften Gegend. Die Stadt gehört zu den höchstgelegenen Großstädten der Welt.Und so fühl ich mich auch wieder.

Ich bin schon wieder bzw. immernoch so schlecht zurecht, dass wir die Silberminenführung leider nicht mitmachen können und zelten an der in der nähe gelegenen Lagune auch nicht drin ist. Ich brauche eine Toilette in Reichweite.

Das die Stadt von dem Silbervorkommen hier im letzten Jahrhundert profitiert hat merkt man direkt. Das Zentrum ist durchgehend im Kolonialstil gehalten (Seit 1987 sind die kolonialen Bauten Potosís Teil der Unesco-Liste des Weltkulturerbes) und daher ist es wirklich nett hier entlang zu schlendern. Kreideweiss muss ich mich zwar alle paar meter setzen, aber essen müssen wir ja irgendwas, also müssen wir ein wenig laufen und etwas finden, was mein angeschlagener Magen auch verträgt.  Einen Tag länger bleiben würde auch nichts bringen, also bleibt Potosi für uns nur ein Zwischenstop.

Wieder in La Paz warten wir auf den Tag an dem wir uns in den Flieger nach Ecuador setzen können. Wir haben noch ein paar Tage bevor es los geht und wollen die Road of Death noch fahren und ein bisschen am Internet arbeiten. Mein Körper gibt dann aber klein bei und nach drei weiteren Tagen habe ich endlich genügend Kraft zum Arzt zu gehen. Da hab ich mir wohl kleine Tierchen in Form von Darmparasiten und ne dicke Bronchities zugezogen. Auf der Luftmatratze bei 12 grad Zimmertemperatur versuch ich schnell wieder gesund zu werden.

Also muss ich auf die Road of Death verzichten. Aus meinem Blickwinkel und im Hinblick auf meine Höhenangst ist es eher ein verzichten dürfen als müssen*g*)

Diese Straße steigt jedenfalls von La Paz aus auf den La-Cumbre-Pass in 4650 m Höhe an und fällt danach bis auf etwa 1200 m bei Yolosa kurz vor Coroico ab. Dabei windet sie sich in vielen Kurven, einspurig über steile Berghänge.

In Wikipedia lässt sich folgendes finden „Die einspurige Straße führt zumeist ohne Leitplanken an steilen Abhängen entlang. Sie ist daher sehr gefährlich, außerordentlich schwierig und nur unter großer Gefahr zu passieren. Darüber hinaus sorgen Regen und Nebel sowie matschiger, morastartiger Untergrund häufig für einen schlechten Straßenzustand und geringe Sichtweiten. Mit Steinschlag oder Erdrutschen aufgrund von starker Erosion ist jederzeit zu rechnen. Ein Unglück vom 24. Juli 1983, bei dem ein Bus ins Schleudern geriet, in eine Schlucht stürzte und die 100 Insassen in den Tod riss, gilt als Boliviens schlimmster Verkehrsunfall. Einer Schätzung zufolge verunglückten bis 2007 pro Monat zwei Fahrzeuge und starben jährlich 200 bis 300 Reisende auf der Straße.

Seit 2006 gibt es jedenfalls eine Umgehungsstraße und diese Todesstraße wird nur noch wenig befahren.

Mirko hatte jedenfalls Pech und einen nebligen Tag erwischt; die Gefährlichkeit der Straße kommt auf den Fotos nicht so wirklich rüber oder ich empfinde es nur so, weil wir mindestens schon fünf solcher Straßen in Peru hinter uns haben.

Nachdem wir aus Ecuador wieder zurück sind, bring ich die zweite Bronchities mit nach La Paz.

Für mich ist jetzt aber wirklich Schluss mit Höhe und Kälte – ich will Bolivien nur verlassen. Unser nächstes Ziel liegt ca. 4600km weiter und heißt Salvador, ein Ort an der brasilanischen Küste.

Gutes Wetter erreichen wir dann glücklicherweise schon in Santa Cruz. Santa Cruz liegt nur noch auf ca.430m inmitten von fruchtbarem Flachland. Es ist heiß und die Menschen laufen hier wieder in Flip Flops und kurzen Sachen rum. Wir fühlen uns wie in einem anderen Land. Die Leute lächeln uns an, sprechen mit uns und sind interessiert, wer wir sind und wo wir herkommen. Wir sind unheimlich froh, dass wir diesen Teil Boliviens auch kennenlernen durften.

Von Santa Cruz führt uns unser Weg Richtung Pantanal, Brasilien.

Wir fahren vorbei an hügeliger, grüner Landschaft. Es gibt wieder Palmen und die Sonne scheint unerbittlich. Ich bin glücklich und zufrieden. Schwitzen gefällt mir definitiv besser als frieren.

Auf dem Weg zur Grenze machen wir noch Stop in einer Thermalquelle. Eine Thermalquelle die von der Größe einem See gleicht, halt mit warmen Wasser. Kleine Fischchen nagen an unseren Füßen und auch wenn die Abkühlung ein wenig ausbleibt, doch ein tolles Erlebnis.

Im letzten Teil Boliviens fahren wir an vielen deutschen Kolonien vorbei. Das Landschaftsbild hat sich zu 100% geändert. Flaches Farmland, eingerahmt von Zäunen. Richtige Zäune…nicht einfach nur Latten zusammengezimmert. Schon interessant diese Gegensätze wahrzunehmen.

Wir wissen jetzt jedenfalls, Bolivien ist nicht nur Altiplano. Bolivien ist vielseitig und sehr beeindruckend.

Wir haben dieses Land vor allem aufgrund der Höhe und Kälte als unheimlich hartes Land empfunden…und daher sind wir eigentlich schon fast ein wenig froh, das nächste Land bereisen zu dürfen.

Wir freuen uns also nun auf das nächste Land – Brasilien.

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